29.09.2017

Chor & more – die bunte Vielfalt in unserer Chorlandschaft

Gerade ist die chor.com 2017 zu Ende gegangen, der wohl größte deutsche Branchentreff von Chor-Aktiven sowohl aus dem Fach- wie Laienmusikerbereich. Der Anlass für uns, einmal nachzuforschen, wie die Chorlandschaft in Deutschland 2017 aufgestellt ist.

Unser Fazit voraus: Das große Thema heißt Vielfalt.

Alle, die in Chören singen, wissen Bescheid: Wie aus dem Nichts hat sich nach Jahrzehnten von Mitgliederschwund und Stagnation (nicht nur) in Deutschland aufs Neue eine blühende Chorlandschaft entwickelt. Vom Sing-Flashmob über den Projektchor bis hin zur A cappella-Formation findet jeder seine Nische und singt, was Herz und Kehle hergeben. Galt es bis vor wenigen Jahren noch als suspekt und uncool, mit anderen – oder überhaupt - zu singen, hat sich diese Einstellung inzwischen vollkommen verändert.

Viele neue Chöre sind entstanden, weil Sangesfreudige nicht wöchentlich an den Proben „klassischer“ Chöre teilnehmen konnten oder sich ein aktuelleres Repertoire wünschten. Kurzerhand schritten die Klangspezialisten zur Tat und gründeten den Chor ihrer Wahl. Gleichgesinnte waren dank Internet schnell gefunden – und der richtige Ton ebenso, wie Erfolgsgründungen wie der Berliner Kneipenchor  zeigen (hier eine Hörprobe). Heute sind vom Kneipenchor bis zum Barbershop sind alle Leidenschaften vertreten und haben in wenigen Jahren zu einem vollständigen Imagewandel des Chorgesangs geführt.

Zum Erfolg der Neugründungen beigetragen haben sicher auch die häufig flexibleren Probentermine und das Angebot von zeitlich begrenzten Mitsing-Projekte oder sogar Flashmobs – die auch bisherigen Nichtsängern oft Lust auf mehr machen.

Chor-Projekte zum „Hineinschnuppern“

Auch bei „klassischen“ Kirchenchören oder Gesangsvereinen sind diese Trends angekommen. Chor-Projekte zum „Hineinschnuppern“ bieten inzwischen viele Gemeinden jährlich an, und in der regelmäßigen Chorarbeit ist neben Werken von Schütz oder Bach alles zwischen Rock, Rap und Reggae zu hören. Wie sehr Popularmusik in allen Spielarten inzwischen in der Kirche angekommen ist, belegt die Einrichtung von Ausbildungsmöglichkeiten wie zum Kirchenmusiker Pop an der Evangelischen Popakademie.

Die neue Vielfalt kennzeichnet auch die Zusammensetzung der neuen singenden Gemeinschaften: Menschen jeden Alters singen gemeinsam oder – wie die große Zahl neu entstehender Chöre speziell für Senioren belegt – trauen sich gerade unter „Zeitgenossen“, wieder laut drauflos zu singen. Frauen entern Shantychöre, ein neues gemeinsames Wir-Gefühl entsteht beim Chorsingen mit Geflüchteten. Die neuen Lieder aus allen Heimatländern bereichern durch neue Klänge und Altvertrautes. Um diese Verbundenheit zu stärken und die Freude am „internationalen“ Singen möglichst vielen zu ermöglichen, unterstützen inzwischen auch öffentliche Einrichtungen wie das MIZ Chorprojekte mit Geflüchteten

Ebenso bunt wie die Chorlandschaft sind die Chorveranstaltungen, die jedes Jahr stattfinden. Ob Hörbares oder Workshops, Festivals, Wettbewerbe oder Themenkonzerte - jede Stimm-Kunst präsentiert sich inzwischen auf ihrer eigenen (Bühnen-)Nische, über 300.000 Chorkonzerte finden jährlich statt (Quelle: bdc 2017). Bei all dieser Vielfalt ist es kein Wunder, dass Netzwerk-Veranstaltungen wie die chor.com immer mehr Zulauf finden. Fachbesucher*innen bekommen hier einen schnellen Überblick über den Musikalienmarkt, können ihr Stimm- oder Chorleitungswissen ausbauen und beim Besuch von Konzerten angesagter Chöre erfahren, wohin die ganze Arbeit führen kann. Nette Bekanntschaften und Austausch natürlich inklusive – eine Inspiration für die eigene Chorarbeit.

Qualitätsbewußtsein

Allen Chören gemeinsam sind Spaß und Freude am Gesang, keine Frage – und sie wollen Ernst machen mit ihrer Liebe zum gesungenen Ton, möchten ein wirklich hörenswertes Klangerlebnis erschaffen. Chorleiter*innen erleben täglich, dass eine fundierte Probenarbeit und der darauffolgende gemeinsame Erfolg ein sicherer Weg zur Nachwuchsgewinnung ist (mehr dazu z. B. unter http://www.sueddeutsche.de/leben/kirchenmusik-wenn-der-kirchenchor-verstummt-1.2837180 ).

Auch wenn es „nur“ ein Projektchor ist: Geprobt wird ernsthaft, Stimmbildung ist wichtig. CVT, die Complete Vocal Technique, ist dabei der Trend der Stunde – eine Gesangsmethode, die es ermöglicht, Lieder aller Stilrichtungen klangvoll, aber stimmschonend umzusetzen.

Chöre oder Einzelpersonen investieren in ihre Leidenschaft für den schönen Sound und besuchen so oft wie möglich auch mehrtägige Workshops zu Stimmbildung, Intonation oder Bühnenarbeit. Zu so viel Engagement passt, dass die meisten Chöre sich inzwischen auch in Sachen Kleidung neu aufstellen – weißes Hemd zu blauer Hose ist schon längst passé.

Der Wunsch nach einem hochwertigen Klangerlebnis sorgt auch auf andere Weise für mehr Vielfalt im Chorgesang: Häufig arrangieren Chöre nicht nur Altes neu, sondern erstellen ganz eigene Kompositionen und wagen Klangexperimente, wie z. B. der Chor I Vocalisti in diesem Hörbeispiel

Sondertrend: Bekenntnisübergreifende Einheit in der Kirchenmusik

Mit dem Wunsch nach neuer Einheit prägt das Reformationsjahr die Kirchenmusikszene ganz entscheidend. Bei vielen musikalischen Veranstaltungen rund um Luthers Lieder und Texte haben die Verantwortlichen bekenntnisübergreifend zusammengearbeitet. Ein Zeichen dafür, wie sehr Luthers musikalisches Werk bis heute Menschen im Glauben stärkt und verbindet – und vielleicht auch ein erster Schritt hin zu neuer Einheit in Zukunft.

Ausblick

Ist nach der früheren Talfahrt Chorsingen also zukunftssicher? Ganz so rosig sieht es nicht aus.

Regierungs- und Stiftungsinitiativen wie jekits und Singen mit Kindern haben mit verschiedenen Fördermaßnahmen sicher viel zur Trendwende beigetragen – aber auch gemeinsam mit allen oben genannten Impulsen aus der Chorszene reichen diese Maßnahmen nicht aus. Die aktuelle Bertelsmann-Studie zeigt, dass Kindern aus einkommensschwachen Familien bei musikalischer Bildung immer noch hinten anstehen. 

Singen ist für diese Kinder der einfachste Weg zu musikalischem Erfolg – außer der eigenen Stimme ist nichts vonnöten. Die Experten der Studie empfehlen, die Angebote für Kinder möglichst niedrigschwellig zu halten, also dorthin zu gehen, wo die Kinder sowieso sind – in  die Kindergärten und in die (Offenen Ganztags-)Schulen. Beispielhaft setzt diesen Gedanken die Chorakademie Dortmund um – seit ihrer Gründung als Verein im Jahr 2002 ist sie zur größten Chorschule Europas angewachsen.

Insgesamt machen die Trends Mut. In der bunten Chorlandschaft 2017 finden alle Chorfreunde ein Zuhause. Schön wäre es, wenn in den kommenden Jahren Kinder noch mehr als bisher dabei unterstützt würden, die Freude an ihrer Stimme zu entwickeln. Denn besser als der tollste Videoclip ist eben selber singen.

                                                                                                                                        

Zahlen, Daten und Fakten*

  • seit dem 19. Jh. entsteht in Deutschland eine vielseitige bürgerliche Chortradition
  • seit 2014 ist die Chormusik in deutschen Amateurchören im bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO-Kommission aufgeführt
  • Ca. 1,4 Mio. Menschen in Deutschland singen und engagieren sich größtenteils ehrenamtlich in den unterschiedlichsten Chören
  • etwa 300.000 Chorkonzerte finden jährlich in Deutschland statt                      
  • Dachverband der weltlichen und kirchlichen Chorverbände ist die bdc (Bundesvereinigung Deutscher Chorverbände), gegründet 1952

*Quelle: Informationsblatt bdc, Stand September 2017